KAPITEL 4




VIA MALA


Drei Tage.

Drei Tage braucht ein Mensch, um sich zu gewöhnen.

Zum Beispiel ist in nur drei Tagen jeder beliebige Ort der Welt ausreichend kartographiert, um vertraut zu werden.

Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, welche Sprachen an diesem Ort gesprochen werden, welche Gesetze und Konventionen gelten, wie das Wetter ist oder nach welcher Weltzeit die Tage vergehen.

In 72 Stunden hat man, ganz egal wo, schon alle Ausgangs- und Zielpunkte festgelegt, die Koordinaten der Gewöhnung gesetzt, hat man sich Heimat geschaffen.

Denn Gewöhnung ist nichts, das uns passiert. Gewöhnung ist ein Trieb, ein Urinstinkt. Das Gewohnheitstier macht sich die Welt, widewidewide sie ihm gefällt, und so macht es sich die Erde untertan, indem es sich an einfach alles gewöhnt.  

„Gewohnheitstier“ ist vielleicht ein irreführender Begriff. Denn Tiere sind vieles gewohnt, gewöhnen sich aber an überhaupt nichts. Tiere sind fürchterlich empfindlich und eigen.

Da ist das Wasser mal ein bisschen zu kalt oder etwas zu warm, da wächst irgendeine uninteressante Pflanze nicht mehr, wo sie sollte, oder es regnet mal nicht, und schon fallen die Tiere aus den Bäumen oder treiben Kiel oben in den Gewässern.

Tiere, pingelig sind die, Verlierer der Evolution.

Das ist ja, unter anderem, das Tolle am Menschen. Dass er so unsagbar zäh ist. Nicht, weil er so biegsam und geschmeidig wäre. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen ist widernatürlich verkehrt.

Sie gewöhnen sich an alles, indem sie alles, was sie sehen, hören, schmecken und riechen so lange verbiegen und geschmeidig machen, bis es ihnen in die Ohren und den Rachen passt. Der Mensch gewöhnt sich an fast alles – weil er fast alles so verdrehen kann, wie er es gewohnt ist. 

Nehmen wir etwa das Reisen.

In nur drei Tagen hat man in der Fremde, was man braucht. Man kennt fünf Straßen und drei Plätze. Man weiß, wo es Internet gibt. Man hat einen Ort für das Frühstück. Und einen zum Abendessen. Man weiß, was man folgenlos essen kann, das ist wichtig.

Drei Tage expressionistisch scheißen – und schon man hat seine Lektion gelernt.

Man weiß nach drei Tagen auch, wo man ganz sicher Geld bekommt. Und wo man es ganz sicher wieder ausgibt. Man kennt ein paar Landmarken, die das eigene, sichere Revier markieren. Ein Hochhaus, einen Park, eine Kirche. Man kennt vielleicht auch schon ein paar Einheimische, einen Straßenverkäufer, eine Bedienung im Restaurant, man kennt den Dorftrottel. Weil man eben die immer gleichen Wege begeht, im Gehege, das sich das Gewohnheitstier selbst schafft.

Und die Umwelt, die achtet genau darauf, für den Reisenden berechenbar zu bleiben. Denn man will ja, dass der Reisende sich vertraut fühlt, damit er Vertrauen schöpft, damit er dankbar Münzen in den Gitarrenkoffer wirft oder auf den Trinkgeldteller legt. Deshalb dürfen sich die heißen Zonen des Fremdenverkehrs niemals ändern.

Ein bisschen Exotik, ja, die darf natürlich schon sein. Aber man darf das Gewohnheitstier nicht verschrecken. Das Fremde muss wohl dosiert sein. Wenn der Reisende, der aus München, Kopenhagen oder Oslo kommt, sagt, er möge sein „Chicken Curry“ ja schon gerne „sehr spicy“, dann muss der an Schärfe gestählte Einheimische das erstmal umrechnen. Wie „Yards“ in „Meter“ oder „Liter“ in „Gallons“. „Schärfe“ ist ein unscharfer Begriff in der Tourismusbranche.



Drei Tage.



Nach drei Tagen kennt man, in einer fremden Stadt etwa, dieses eine bestimmte Viertel, in dem man wieder aufatmen kann, nach einer kleinen Expedition in die Außenwelt.  Nach drei Tagen beginnt man, sich im vertrauten Gebiet „einheimisch“ zu bewegen. Nach drei Tagen schon ist alles schon „wie immer“. In Kathmandu, in Vancouver. Nach drei Tagen hat man schon Traditionen geschaffen, und es ist nicht gut, diese Traditionen zu stören.

Weil ja niemand reist, um wirklich zu verschwinden, weil ja niemand reist, um wirklich verloren zu gehen. Man reist allein, um dem Vertrauten zu begegnen. Immer und immer wieder. Deshalb gibt es das: Starbucks und McDonald’s. Weil jede Filiale eine ständige Vertretung ist, ein Konsulat, für Alle, überall.


Deshalb gibt es das: Coca Cola. Rote Leuchtfeuer für den Heimathafen – „You can’t beat the feeling“, hieß das mal, und meinte eigentlich „There is no place like home“. Willkommen auf dem Planeten Erde, Tinman, Du bist zu Hause.


Für Tronegger und Sonderburg waren es nicht drei, sondern schon fünf Tage, seit sie aus dem stickigen Überlandbus gestiegen waren, der für die eigentlich kurze Strecke zwischen Quito und Riobamba unmögliche 7 Stunden gebraucht hatte. Sieben schlingernde Stunden durch tausende von Kurven, entlang einer unveränderten Landschaft aus grün-braunen Hügeln, durch das Spalier von Plastikteilen und toten Hunden am Straßenrand. Dazu schlecht gealterte Hollywood-Blockbuster auf einem kleinen Röhrenfernseher im Führerhaus des Busses, ohne Ton, dazu kaum zu erkennen, wegen der ständig einfallenden Sonne und umherfliegendem dicken Staub.

Fünf Tage schon.

Tronegger und Sonderburg waren längst hinreichend vertraut mit dem dichten Gewirr der Straßen, die alle überspannt waren mit einem noch dichteren Gewirr von Kabeln, die das eigentliche Straßennetz bildeten. Sie hatten längst den lässigen Gang derer, die schon vorher da waren, und das machte ein wenig Eindruck auf die, die nach ihnen kamen. Tronegger und Sonderburg hatten Riobamba in der Tasche.

Und dann war Björn gekommen, und es war vorbei gewesen, mit allen Lässigkeiten und Gewissheiten, und nichts würde mehr in der Tasche sein, buchstäblich. Denn Björn war Norweger, und grob, und, wie es schien, war man ihm etwas schuldig, nicht auf die freundliche Art eines Gefallens, sondern in der nüchternen Art eines Geldeintreibers.

Sie hatten wohl schon einige hundert Meter vom Markt in Richtung Norden und dem schneebedeckten Berg genommen, als Tronegger bemerkte, dass Björn in der ganzen Zeit seine mächtige Hand nicht mehr von seiner Schulter genommen hatte, die er jetzt  alle paar Schritte auf eine unangenehme Art zu massieren begann, stark genug, um dem leicht Vorausgehenden deutlich zu machen, dass an Flucht nicht zu denken war. Immer wieder stierte Tronegger zu Sonderburg hinüber, der ganz und gar freiwillig an ihrer Seite trottete, als ginge ihn all das nichts an, mit einem dummen Lächeln um den eisverschmierten Mund.

Die Sonne hatte die trockene Luft jetzt ganz und gar entzündet. Die kleinen Menschen drängten sich unter den vorstehenden Dächern auf den Bürgersteigen und hielten die Köpfe gesenkt. Doch wo man eine tonbraune Stirn unter den weiten, runden Hüten ausmachen konnte, war kein Tropfen Schweiß zu sehen, trotz ihrer schweren, bunten Umhänge. Als hätten Hitze und Wind schon vor langer Zeit den letzten Tropfen Flüssigkeit aus den Körpern gezogen. Harte Hunde, die Menschen am Äquator.

Tronegger dagegen schwamm in Salzlake, die Hosenbeine untrennbar verklebt mit den Schenkeln, das Hemd so nass, dass sich die dunklen Haare auf Brust und Schultern einzeln darunter abzeichneten. Die Unterhose hatte sich schon demütig vor der Hitze in die schattigeren Regionen seines Unterleibs zurückgezogen. Das machte beim Gehen merkwürdige Geräusche.

Auch Sonderburg war, wie Tronegger bei seinen wütenden Seitenblicken bemerkte, zur Kernschmelze übergangen. Wie so vieles auf der Welt schien ihn das aber nicht sehr zu stören.


Björn dagegen konnte die Witterung offensichtlich nichts anhaben. Riesig wie er war, schien er sein eigenes Binnenklima mit sich herumzutragen. Die vollen, blonden Haare lagen wie frisches, trockenes Heu auf seinem Schädel. Im Gesicht hatte er nicht die Brandherde der übrigen Touristen, sondern die frische, nordländische Röte eines Eisschwimmers. Nur wenn der Gletscher von oben hin und wieder einen gnädigen kühlen Windstoß in die Straßen schickte, nahm er einen dankbaren, tiefen Atemzug. Ansonsten war der Norweger, der wie ein Außerirdischer zwischen den verschreckten Einheimischen einherschritt, ein Fisch im Wasser, aber völlig trocken.

Fünf Tage.



Der Weg zum Hotel „Los Alamos“ lag klar vor Troneggers Augen. Es hätte allerdings keinen Sinn gemacht, durch Umwege Zeit zu schinden, schon gar nicht in dieser Hitze, schon gar nicht mit dem unbesorgten Sonderburg an der Seite, der den Weg genauso gut kannte, schon gar nicht mit dem fordernden Griff im Genick.

Und so führte Tronegger sie auf geradem Wege voran und einem ganz ohne Frage schweren Rückschlag entgegen. Denn anders als sonst, hatte man das wachsende Reiseinventar nicht einem Schließfach anvertraut. Weil man, anders als sonst, kein Hostel hatte ausfindig können, und deshalb im drittklassigen „Los Alamos“ abgestiegen war, das aber immerhin als Hotel firmierte. Und so hatte man, anders als sonst, keinen Grund gesehen, die Beute der vergangenen Monate der Sicherheit eines Flughafens oder Bahnhofs anzuvertrauen. Und so würde man, anders als sonst, diese Station der Reise wohl empfindlich erleichtert verlassen. Schwer auszumalen, wie viel ein zwei Meter großer Norweger mit Armen wie ein Kohlebagger aus dem Zimmer Nr. 104 würde tragen können. Zuviel, sicher.

5 Tage.

Vorbei am „Parque 21 de Abril“, wo die Schönen der Stadt im Kreis liefen, vorbei am Einkaufzentrum „Autolujos de luxe“, hier wurde Tuborg-Bier verkauft, immer in Richtung des San Juan Krankenhauses.

Dort wiederrum zehrte man von all denen, die aus besser gestellten Weltgegenden hierher kamen, um den großen Chimborazo zu besteigen, weil es dazu außer etwas Liquidität keiner besonderen Fähigkeiten bedarf. Trotzdem kamen Tag für Tag ein paar Idioten von der Höhe zurück, in deren Inneren irgendetwas geplatzt oder verstopft war oder die Funktion gänzlich eingestellt hatte oder denen der Berg zornig einen Stein auf den Kopf geworfen hatte. Und so lagen sie dann in ihren Krankenbetten im einzigen Gebäude der ganzen Stadt, das nicht im Zustand der Verwesung war und sorgten mit ihren Dollars und Yen und Euro dafür, dass das so blieb, und fragten sich, wie sie das alles zuhause erklären sollten, den Familien, Freunden und Kollegen, die sie über Wochen auf den Gipfelsturm eingeschworen hatten.

5 Tage.

Nicht mehr weit. Auf der Ecke schon das „El Delirio“ mit seinem schönen, alten Patio und dem zuverlässigen „Aroz con Pollo“, das einzige akzeptable Restaurant in diesem Schweinetrog von einer Stadt, weshalb man hier an jedem Abend auch die „haute volee“ der Laienbergsteiger antreffen konnte...weshalb übrigens auch Tronegger und Sonderburg hier seit fünf Tagen verkehrten.

Das war allein Sonderburgs Idee gewesen, was Tronegger erstaunte, weil sie tatsächlich gut war.

Aber, und da konnte er nur zustimmen: eine Gruppe Schwachköpfe, die gemeinsam aufbricht, um kotzend auf einem 6200 Meter hohen, toten Vulkan zu stehen, das bedeutete auch: ein ganzes Hotel-Stockwerk für Tage verlassener Hotelzimmer. Oder besser noch ein ganzer Block Grasssodenhäuser in einer der umliegenden Eco-Resorts, die so luxuriös bodenständig daherkamen, dass es nicht einmal anständige Türen gab – offene Atmosphäre, keine Fragen. So lange ein Weißbrötchen-Gesicht aus der Outdoor-Weste lugte würde kein Angestellter Widerstand leisten. Reingehen, freundlich nicken, und dann ein „polnischer Checkout“, wie Sonderburg sagte.

Und auch wenn Tronegger den freundlichen Rassismus seines Gefährten nicht sonderlich mochte, weil er bei solchen Gelegenheiten immer an die dicke Tomatensauce seiner bosnischen Großmutter dachte, stimmte er zu.

Es war nie schwer gewesen, mit den angetrunkenen Gruppenreisenden im „El Delirio“ ins Gespräch zu kommen, Riobamba ist ein Ort, der zusammenschweißt, genau wie alle anderen Enden der Welt. Und um zu erfahren, was man wissen musste, brauchte es bestenfalls ein paar Flaschen „Pilsener“ oder „Club“ und ein paar zusammengelogene Bergabenteuer.

Der gute Sonderburg – ein blindes Huhn auf Korn, das hatte Tronegger noch gedacht. Und dann kam der erste, ernüchternde Rundgang an der „Avenida Daniel Leon Borja“, in dem Hotel, das den freundlichen Namen „Shalom“ trug, und eine Reisegesellschaft aus Niedersachsen beherbergte. Die Ausbeute war mehr als schmal gewesen. Berge von Koffern, Kleidern und Schuhen, dazwischen aber nur wenige Dollars, ein paar wertlose Traveller-Cheques und noch wertlosere „Sucres“, die hin und wieder noch als Wechselgeld von den Straßenhändlern ausgegeben wurden. Aber: keine Kameras, keine Notebooks, keine Smartphones, keine Tablets, nichts, was harte Währung bedeutete. Tronegger hatte schnell das begriffen, was er noch Stunden später dem angestrengt denkenden Sonderburg im „El Delirio“ erklären sollte: diese Unmenschen schleppten alle Beweismittel mit sich auf den Berg, sie bauten ihre eigenen Dokumentations- und Kommunikationszentren da oben, in HD, in 4K, in Echtzeit, auf der Höhe der Zeit. Medium is the message, the message is medium.

Nichts zu holen, im Tal, alles umsonst. „Ein Upload-Filter auf Selfies, das wäre was“, sagte Tronegger noch, irgendwann zwischen dem sechsten und zehnten „Pilsener“.


5 Tage. Vortag. Abend.

Und dann war gestern geschehen. Gestern, als er eigentlich schon entschieden war, der Rückzug. Neue Pläne, neue Orte, alte Routinen, nur fort von hier, weg aus Riobamba, wo alles ausgetrocknet war, selbst der Fluss, der eigentlich dringend da sein sollte.     


Dann aber war gestern, und es war Björn, und was sonst gewesen war, wusste Tronegger kaum, aber er wusste, dass alles hier seinen Anfang genommen hatte, im „El Delirio“, das wusste er sicher, weil aus dem schönen Patio auch jetzt dasselbe traurige Lied klang, wie am Tag zuvor, und am Tag vor diesem Tag und dem davor. Das Lied erzählte etwas von „Corazon“, „Gitarra“ und „Sueno“ und „Carina“ und „Muerto“ und das Lied fasste Troneggers Erinnerung grob an, so wie man einen tief Schlafenden rüttelt, wenn das Haus in Flammen steht.

Mit Widerwillen zeichnete Troneggers Hirn unscharfe Skizzen. Ein überbordend gefüllter Tisch, das Übliche: „Pilsener“, „Club“, aber auch Schnapsflaschen, viele schmutzige Teller vor dunklen Gesichtern, die Männern gehörten, ganz sicher. Dahinter die immer gleichen Fotos vom weiß leuchtenden Berg, merkwürdig klar. Überall Gerümpel an den Wänden, Werkzeuge, Hüte, Kleidungsstücke, ein Paar Stierhörner. Viel Atmosphäre. Vor diesem Hintergrund sich klar abzeichnend: Björn, mit seinen immer gebleckten Riesenzähnen, und dann, genauso klar und völlig unbekannt – ein entsetztes Paar Augen über einem widerwilligen Mund. Eine Frau, dachte Tronegger.

Eine Frau war dort gewesen, und ein kurzes Stechen, hinter der nassen Brust verborgen, sagte ihm, dass sie schön und jung gewesen war, und eine tiefe Traurigkeit raubte die Erinnerung an die folgende Zeit, nur die Zunge brannte sanft nach, weil sie sich an etwas erinnerte, was er gegessen hatte, an diesem verlorenen Abend. Jemand hatte die Türen des „El Delirio“ verschlossen. Dann war der Nachtisch gekommen. Schwarzblende.

5 Tage.

Es war nicht mehr weit, jetzt. Plaza de Toros schon, der hässliche Wohnturm des „Los Alamos“ kam in Sicht. Noch ein Stück des Wegs, noch ein Stück Erinnerung, die nächste Station. Tronegger suchte in sich herum und fand etwas – das Gefühl der plötzlichen Weite, der jähe Abgrund, der sich auftut, wenn man ein Theater, ein Fußballstadion oder eben eine Stierkampfarena betritt. Das Gefühl, plötzlich sehr sichtbar zu sein, nackt in der Größe des Raums.

Dann war es laut geworden und immer lauter, dann waren die Stiere gekommen, einer nach dem anderen, jeder ein ganzer Lebenslauf in fünf Minuten, ein wütender Tanz, mit jedem Hieb und Stich mehr und mehr strauchelnd bis zum demütigen Kniefall vor dem Matador, das Tier umringt von Picaderos und Banderilleros, die ihm gut zureden, im Angesicht des Matadors, der sich verrenkt, schnell sticht und sich verneigt, vor dem Tier, dessen letzter Atemstoß ein blutender Schwall ist, vor den Menschen, denen das nichts ausmacht. Hüte liegen im Sand, der Stier liegt im Sand. Dann kommen mit großem Aufwand ein paar Pferde und schleppen den riesigen schwarzen Körper in die Finsternis der Katakomben, und weiter in die Prärie ewiger Jagdgründe. Trompeten, Gitarren, alles von vorn.

Tronegger erinnerte sich, dass er etwas gelernt hatte: der letzte Stich des Matadors, der muss sitzen. Sonst bleiben die Hüte auf den Köpfen. Wie bei dem Gastspiel eines jungen Matadors aus Spanien, dem Übung zu fehlen schien. Sechsmal, siebenmal versenkte der den Degen im Nacken des verzweifelten Stiers, der schon nicht mehr bluten konnte, und der, das konnte man selbst von den hohen Rängen sehen, so gern gestorben wäre, aber nicht durfte. Verdammte EU, hatte Tronegger noch gedacht, früher hätte ein Spanier noch gewusst, wie man ein wehrloses Tier tötet.  Würde Spanien aus der EU austreten, wäre es einfach ein „Exit“. Wegen „Espana“. Großartig. Das sollte man mal aufschreiben. Auch das hatte Tronegger wohl noch gedacht. Dann noch ein Bild. Björns Zähne, dunkle Gesichter, ein ängstliches Mädchen. Und dann hatte das Denken wohl ganz und gar aufgehört.

Sicher, es mussten noch andere Dinge geschehen sein, im Laufe der Nacht. Aber sie wollten sich einfach an keinen der Orte mehr heften, an denen sie jetzt vorbeikamen. Nur Troneggers Empfindungen vermeldeten schwache Erinnerungen. Rot ist da. Der Geruch von Eisen ist da. Unheimliche Wucht auch. Dann etwas Angst. Gewalt, auch, laut. Sehr laut. Eine Wand bricht, und es geht doch nicht vorwärts. Ein Pfiff, das Schnaufen eines Zuges, Endstation Erinnerung. Ein Lama, unbeteiligt.

In der Summe blieb die Gewissheit, dass fürchterliche Dinge geschehen waren, in dieser Nacht, gestern.

Und während Tronegger noch versucht, aus dem Schlamm des Gestern eine Gestalt zu formen, sind sie am Ziel, haben die schmutzigen Glastüren des „Los Alamos“ durchschritten, den engen Fahrstuhl in den ersten Stock genommen, stehen im Zimmer 104.

Sonderburg setzt sich auf den einzigen Stuhl des Zimmers und schaut ratlos. Tronegger macht seine Bestandsaufnahme: drei Camcorder, hochwertig, das Notebook des amerikanischen Reisebloggers, mit dem sie ein paar wilde Tage auf Ko Samui verbracht haben, gut 3000 Dollar in bar, verteilt auf ihre Kulturbeutel, Björn wird sie sicher finden. Ein paar Telefone und ein Tablet, an das sich Tronegger schon sehr gewöhnt hat. Zwei Canon-, eine Nikon Kamera, jede Menge Zubehör, unter anderem ein absurd großes Teleobjektiv. Eine Plastiktüte mit Schmuck und Uhren, vollkommen unklar, wie hoch das alles zu bepreisen sein wird.

All das praktisch verteilt auf drei große, schwarze Reisetaschen – bereit zum Abtransport. Tronegger ist, was ihn selbst überrascht, den Tränen nahe, vielleicht weint er auch, schwer zu sagen, bei all dem Schweiß.   

Und dann passieren, in genau dieser Reihenfolge, diese Dinge, schnell und erbarmungslos.


Mit unverhohlener Freude sichtet Björn Tasche um Tasche, wendet sich dann zu Tronegger und sagt „Well done.“ Und dann noch: „This should settle it.“

Und dann sinkt der Riese auf die Knie. Und Troneggers Magen verdreht sich, weil er ein Geräusch verdauen muss, dass er nicht kennt, und das dunkel und böse ist. Ein dumpfes, fleischiges Zerbrechen.

Sonderburg sagt: „Ich habe mir in die Hose geschissen“. Er steht hinter dem knienden Björn, dessen Augen ins Weiße kippen, in der Hand den schweren Aschenbecher vom Nachttisch. Dann schlägt der schwere Körper zur Gänze hin.

Der tote Björn zögert etwas, blutet dann aber doch, schnell und schwappend aus dem Hinterkopf. Sein strohbedeckter Schädel ist fürchterlich verzerrrt, die Decke passt nicht mehr ordentlich auf das Fundament, es läuft auch etwas aus, aus dem Kopf, das kein Blut ist.

Tronegger starrt zu Sonderburg. Der starrt zurück. Äonen vergehen. Die Zeit rinnt, das Blut rinnt und droht schon, den Türspalt zu erreichen, in den kleinen Kanälen der Fliesenfugen.

„Mein Gott“, sagt Tronegger, das sagt er sonst nie, aber es hilft, denn jetzt geht alles wie von selbst.

Es gibt eine Badewanne. Sie steht vor einem zerkratzten Fenster, das einen unromantischen Blick auf den Chimborazo andeutet. Sie ist bestückt mit „Moodlights“, von denen eines zerbrochen ist, Glühbirne und Kabel hängen in die unmögliche flache Wanne. Deshalb, weil die Wanne zu flach ist und zu gefährlich, haben Tronegger und Sonderburg in den vergangenen fünf Tagen die Körperpflege ausgesetzt. Einen Toten aber stört das wenig. Also: Reinwuchten, ausbluten lassen, ablaufen lassen, Pläne machen.


Tronegger starrt auf den toten Riesen, Sonderburg starrt durch das zerkratzte Fenster, Björn blutet in den Abfluss der Wanne.


Die Zeit wird müde, und gähnt, und einmal, dieses eine Mal, will einfach nichts geschehen, als hätte jemand vergessen, eine Ende für diese Geschichte zu schreiben.


Zeit für eine Zigarette. Ich überflog die letzten Seiten und war mir sicher, dass Hans Weil etwas Anderes im Sinn gehabt hatte, als er seine beiden Helden auf ihre Reise schickte. Hans verabscheute Gewalt, mochte keine Krimis und war ganz und gar kein brachialer Schreiber gewesen.

Ich sah dem Rauch zu, wie er durch das offene Fenster schlüpfte und sich vom warmen Wind Richtung Meer verwirbeln ließ, und sondierte meine Optionen.

Alles auf Anfang, das lag nahe, ein frischer Start, etwas ganz Anderes erzählen. Doch dann, um es wenigstens versucht zu haben, schrieb ich noch die folgenden Zeilen.


In die ratlose Stille tritt ein glucksendes Geräusch – und es kommt nicht von Sonderburg und es kommt nicht von Tronegger. Beide starren auf den Toten, dem Blut und Speichel aus dem Mund sprudeln. Und dann schlägt Björn die Augen auf, oder besser, ein Auge, denn das andere ist bläulich zugeschwollen, und Björns gutes Auge schaut zu Tronegger, dann zu Sonderburg, dann zurück zu Tronegger und sein Mund zittert und stößt schließlich blubbernd ein paar Worte aus: „Hey, you guys. I (jetzt zeigt sein Finger auf die eigene blutverschmierte Brust) – I love you. I really, really do.“

Ich drückte die Zigarette aus. Genug für einen Tag. 








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